Die folgenden Artikel befassen sich mit den vier am Söflinger Gemeindebrunnen verewigten "Musensöhnen" unseres Stadtteils: dem Maler Franz Anton Kraus, dem Maler Johann Babtist Enderle, dem Schreiner und Bildhauer Jörg Syrlin und dem Minnesänger Meinloh von Sevelingen. Die Artikel wurden uns freundlicherweise von Otto Schempp, dem ehemaligen Konrektor der Meinloh-Grundschule und jetzigem Rektor der Wagner-Grundschule zur Verfügung gestellt. Herr Schempp schreibt immer wieder Artikel für den "Söflinger Anzeiger", wo auch diese Beiträge schon erschienen sind. Wir danken herzlich.
Söflinger Künstler aus vergangenen Zeiten
Die vier "Musensöhne" am Söflinger Gemeindebrunnen (1)
Franz Anton Kraus

Der auf Anregung von August Rampf entstandene und von Wilhelm Luib entworfene, 1971 errichtete Brunnen auf dem Söflinger Gemeindeplatz erinnert mit den Inschriften an den vier Außenseiten an vier berühmte "Musensöhne Söflingens", wie sie A. Rampf gerne nannte: an den Minnesänger MEINLOH VON SEVELINGEN, dessen Reime aus der Frühzeit deutscher Dichtung in der Manesseschen und der Heidelberger Liederhandschrift überliefert sind; an den Schöpfer des Chorgestühls im Ulmer Münster, Jörg Syrlin. d. Älteren (um 1425 — 1491); und an die Maler FRANZ ANTON KRAUS (1705— 1752) sowie JOHANN BAPTIST ENDERLE (1725—1798).
FRANZ ANTON KRAUS ist heute auch in Söflingen fast vergessen. Wenigstens die 1906 nach ihm benannte Straße zwischen der Sonnenstraße und dem Söflinger Friedhof erinnert an ihn.
F.A. Kraus kam 1705 als viertes von acht Kindern des Schuhmachers Johannes Georgius Kraus und dessen Ehefrau Maria geb. Umhoferin zur Welt. Obwohl nicht gerade mit Reichtümern gesegnet, genoss der Vater als Meister seines Handwerks doch ein gewisses Ansehen im Ort - nicht zuletzt deshalb, weil er die Kunst des Schreibens beherrschte. Dadurch konnte er den Bewohnern bei schriftlichen Arbeiten helfen.
Außerdem betätigte er sich auch künstlerisch und schnitzte Figuren. Der Sohn hatte wohl dieses Musische geerbt und "zeigte bald eine große Neigung zum Zeichnerischen". Er erlernte das Malerhandwerk — vermutlich bei einem Malermeister des Clarissenklosters —‚ begab sich dann aber etwa 15-16-jährig nach Augsburg auf die Wanderschaft. Bei einem dortigen Maler in Ausbildung, besuchte er gleichzeitig die reichsstädtische Kunstakademie Augsburg.
Etwa 1723/24 ermöglichte ihm wahrscheinlich ein reicher Gönner eine Studienreise über Regensburg nach Venedig: Dort nahm ihn der weltberühmte Kunstmaler Piazetta in die Gruppe seiner Schüler auf. Diese Studienzeit sollte 7 Jahre dauern. Aus dieser Zeit stammt sein frühestes bekanntes Werk "Martyrium des Hl. Sebastian". Es kam auf verschlungenen Wegen in die Kirche St. Martin nach Unterkirchberg; dort hängt es heute an der Südwand des Kirchenschiffes.
Nachdem er von Venedig aus vergeblich versucht hatte, das Bürgerrecht von Augsburg zu bekommen — er wollte dorthin zurück —‚ ging er enttäuscht nach Frankreich, nach Paris. Dort bewarb er sich um eine Aufnahme in die "Academie Royale", wurde aber abgewiesen — nicht etwa fehlenden Könnens wegen, sondern wahrscheinlich wegen seiner "Unart", andere Künstler schonungslos herabzusetzen. Verbittert suchte er ein neues Wirkungsfeld in der frz. Provinz und landete etwa 1733 in der Bischofsstadt Langres, ungefähr auf halbem Weg zwischen Paris und Basel gelegen. Dort heiratete er 1734 Marguerite Chapuis, die Tochter seines Quartiergebers. Bald erhielt er durch diese Verbindung mit einer alteingesessenen bürgerlichen Familie zahlreiche Aufträge in der näheren Umgebung sowie in Dijon und Lyon - Portraits, Ölskizzen, große Leinwandbilder und Altartafeln.
1745 — seine Ehefrau war im Juli gestorben — sah ihn plötzlich die Benediktinerabtei Maria Einsiedeln. Hier erfuhr sein unstetes Leben einen Neubeginn, und er heiratete kurz darauf die 18-jährige Maria Anna Kälin. Seine äußeren Lebensumstände waren jetzt wieder gesichert.
Bald erhielt er den Auftrag, zunächst zwei Altarbilder zu malen — gewissermaßen als Probe —‚ dann durfte er überraschend den gesamten Chorraum nach von ihm entworfenen Plänen umgestalten. Er war jetzt also nicht nur als Maler künstlerisch tätig, sondern auch als Architekt und Dekorateur. Und er war verantwortlich für einfach alles — Bau-, Stukkateur-, Bildhauer- und Malerarbeiten. Er war jetzt gewissermaßen "Unternehmer" und musste die einzelnen Aufträge vergeben und abschließen. Das große Deckenfresko jedoch malte er selbst.
Im Juni 1748 erkrankte er schwer und konnte fast ein Jahr lang nicht arbeiten. Sommer 1749 war er wieder so weit hergestellt, dass er die Hochaltarwand sowie die Ausstattung des oberen Chores vollenden konnte — vielleicht sein bestes Werk. Überraschend reiste er im Oktober 1749 mit seiner Familie nach Wien - einerseits, "um sein Talent in einem großen Rahmen und. an einem großen Hof bekannt zu machen", und andererseits, "um sich dabei gleichzeitig von Ärzten, von denen er glaubte, sie seien dort geschickter als sonst wo, von einer langen und bösen Krankheit heilen zu lassen" — wie es in einem Brief heißt
Zweieinhalb Jahre später kehrte er unverhofft nach Einsiedeln zurück - er fühlte sich wohl verpflichtet, ein noch unvollendetes Altarbild zu fertigen. Doch er erkannte, dass die fortschreitende Krankheit stärker war als sein Wille, und er beauftragte einen Nachfolger, der das Bild vollenden sollte.
Am 1. Juli 1752 starb Franz Anton Kraus. Im Eintrag eines Paters des Klosters heißt es: "Der Verstorbene war ein äußerst kluger, kenntnisreicher Mann, wohlerfahren in der Malkunst, besonders bei der Darstellung von Personen verstand er es vorzüglich, deren Wesen auszudrücken. Er ruhe in Frieden".
Otto Schempp (Quellen: E.Zumsteg- Brügel)
 
Söflinger Künstler in vergangenen Zeiten
Die vier "Musensöhne" am Söflinger Gemeindebrunnen (2)
Die letzte Ausgabe des Söflinger Anzeigers berichtete über den beinahe "vergessenen" Söflinger Maler des Spätbarock, Franz Anton Kraus (1705 - 1752). Bleiben wir heute bei einem anderen, berühmten Söflinger Maler, diesmal aus der Zeit des Rokoko: Johann Baptist Enderle (1725-1798).

Urkundliche Quellen über das Leben dieses Künstlers sind zwar spärlich, doch lassen sich trotzdem einige Daten nachweisen.
Den Familiennamen "Enderle" konnte der frühere Stadtpfarrer von Söflingen, Rudolf Weser, bis in die Anfänge des 16. Jhdts. nachweisen. Als leidenschaftlicher und fleißiger Sammler und Historiker und von 1912 bis 1932 Pfarrer der Gemeinde konnte er über 70 Familien "Enderle" feststellen, meistens Bäcker, Metzger, Weber oder Wirtsleute. Es waren angesehene Familien mit verschiedenen Ehrenämtern im Dorf Söflingen; ein Metzger Johann Michael Enderle war um 1800 sogar Bürgermeister der Gemeinde.
Ein "früherer" Johann Baptist Enderle - geboren um 1655 - hatte mit seiner Frau Anna 12 Kinder, von denen der jüngste Sohn der später in Augsburg wohnende Maler Anton Enderle war. Dessen älterer Bruder Mauritius nun war der Vater "unseres" Johann Baptist Enderle, der also nach seinem Großvater getauft wurde.
Da sowohl die Ehe- als auch die Sterberegister aus dieser Zeit verloren gegangen sind, ist über diese Familie Enderle nicht allzu viel bekannt: Die Eltern, eben Mauritius (geb.1693) und dessen Ehefrau Maria hatten 5 Kinder, von denen 3 früh starben. Da beim Eintrag des letzten Kindes in das Taufregister der Name des Vaters - also Mauritius - bereits mit einem Kreuzchen versehen ist, muss dieser wohl auch früh gestorben sein.
Eine der wenigen "Episoden" aus dem frühen Leben des Johann Baptist Enderle ist im Staatsarchiv Ludwigsburg unter den 13.März 1747 zu finden: Enderle verklagt einen anderen hiesigen Maler - Anton Walser -‚ der ihn im Gasthaus "Schlößle" angegriffen, beleidigt und ihm sogar "Maulschellen" gegeben hatte. Es ging dabei um einen Streit über einen Auftrag für die hiesige Weberzunft. lm Urteil musste Walser einen öffentl. Widerruf leisten und zur Strafe 1 Pfd. Heller bezahlen.
Den ersten Unterricht in der Malkunst erhält Enderle sicherlich von einem Söflinger Klostermaler. Es folgen die 1. signierten und datierten Arbeiten in der Klingensteiner Schlosskapelle (1746) und im Pfarrhaus Unterkirchberg (1747).
Bereits 1750 wird Enderle als Mitarbeiter des Weißenhorner Malers Franz Anton Kuen für die Malereien in der Pfarrkirche Mindelzell erwähnt. Aus dieser Zeit bei Kuen stammen wohl auch die auf Holz gemalten Apostelbilder in der Kirche von Bayersried (Krumbach), wo er sich als Apostel Thomas selbst portraitiert hat.
Es folgen 1753 und 1754 die ersten selbstständigen Freskoaufträge; während dieser Zeit wohnt er aber noch in Söflingen. Hier finden wir aus dem Jahr 1754 zum einen in der St. Leonhardskapelle das Hochaltarblatt "St.Leonhard in der Glorie" mit dem Aufsatzbild "Die hl. Dreifaltigkeit" sowie das 1762 signierte Seitenaltarbild "Taufe Jesu im Jordan durch Johannes". Zum anderen hängen in der früheren Klosterkirche - heute Mariä Himmelfahrt - seine 1756 signierten 15 Kreuzwegstationen. Und die Enderlegasse gegenüber der Einmündung der Sonnenstraße in die Söflinger Straße erinnert ebenfalls an diesen berühmten Sohn Söflingens. Am 26.Mai 1755 heiratet Enderle die Malerswitwe Maria Theresia Reismiller aus Donauwörth. Jetzt lässt er sich dort nieder und übernimmt neben der Werkstätte seines Vorgängers auch dessen Kundenkreis. Bald folgen große Aufträge - er ist ein gefragter Künstler geworden.
Doch zunächst hat er Schwierigkeiten mit der dortigen Zunft - er will sich nicht "einschreiben" lassen. Dies erfolgt aber schließlich am 17.August 1755:"... hat ein Gebühr in die Lade entrichtet mit 8fl. 32 kr.". Und nachdem er bereits am 9.August 1755 als Bürgerrechtsentgelt 12 fl. entrichtet hat, wird er im Dezember endgültig auch Bürger von Donauwörth.
1795 stirbt seine Frau Maria Theresia, doch schon 1796 - bereits 71-jährig - heiratet er ein 2.Mal: die 47jährige Ursula Schiffelholz aus Wörnitzstein. Beide Ehen bleiben aber kinderlos.
1798, am 15.Februar, stirbt Enderle plötzlich an einem Gehirnschlag. Bis zuletzt - er bleibt bis ins hohe Alter rüstig - ist er unermüdlich tätig. Noch 1797 fertigt er das Seitenaltarblatt der Kirche in Großanhausen.
Seit 1753 - den ersten selbstständigen Arbeiten - bis kurz vor seinem Tode war Enderle ein vielbeschäftigter, gefragter und hochgeschätzter Maler, dessen Werke heute in über 50 Kirchen zu finden sind. Aber nicht nur seines Könnens wegen erhielt er oft den Vorzug vor Mitkonkurrenten, sondern auch seiner bescheidenen Honorarforderungen wegen. Deshalb wird er im Donauwörther Sterbebuch zu Recht als "ausgezeichneter Maler und hervorragender Mann" geschildert.
Otto Schempp (Quellen: K.L.Drasser, R.Fischer)
 
Söflinger Künstler aus vergangenen Zeiten
Die vier "Musensöhne" am Söflinger Gemeindebrunnen (3)
Nach den beiden Malern Franz Anton Kraus (1705 - 1752) und Johann Baptist Enderle (1725 - 1798) folgt heute Jörg Syrlin d. Ältere (um 1425 - 1491).
Die Abstammung Syrlins aus einem Söflinger Schreinergeschlecht ist gesichert, nicht dagegen sein Geburtsjahr. Seine Familie war anfangs des 15.Jhdts. von Söflingen in die Reichsstadt Ulm übersiedelt. Wohl um 1425 geboren, begann er mit Schreinerarbeiten, wobei "Schreiner" damals gleichbedeutend war mit "Kunstschreiner'
Aus Zinsbüchern der Ulmer Frauenpflege für die Jahre 1449 - 1491 lässt sich seine große Werkstatt in Ulm nachweisen, in der Schreinerarbeiten, Bildschnitzereien und Bildhauerarbeiten gepflegt wurden. Im Ulmer Museum ist heute noch das 1458 gefertigte Ottenbacher (b. Göppingen) Lesepult zu bewundern, in dem er seine innovative Bereitschaft für die italienische Intarsientechnik beweist, oder der 1465 datierte Hochzeitsschrank aus Illerfelden.
1468 erhielt Syrlin - gewissermaßen als "Probearbeit" - den Auftrag zur Aufstellung des Dreisitzes im Münster, den sog. "Levitenstuhl" Er sollte dem Priester, dem Diakon und dem Subdiakon beim Zelebrieren der Messe dienen. Diese Arbeit war für den Rat der Stadt Ulm der Beweis für die bildhauerischen Fähigkeiten Syrlins. Deshalb folgte am 9. Juni 1469 der Auftrag für das eichene Chorgestühl.
Der Vertrag bestimmte, dass Syrlin das Rohmaterial umsonst bekam, eine gute Bezahlung erhielt und Arbeiten weiter vergeben durfte. Das Gestühl musste aber innerhalb von 4 Jahren gefertigt werden; die Vollendung ist schließlich von ihm selbst mit 1474 signiert.
Syrlin war wohl mehr als nur Schreiner und Schnitzer, er war gleichzeitig auch Architekt und Generalunternehmer für Großaufträge wie eben z.B das Münster Chorgestühl. In seiner Werkstatt waren sicher mehrere tüchtige Mitarbeiter tätig, darunter auch sein später bekannt gewordener Sohn Jörg Syrlin d. Jüngere, der 1510 den prächtigen Schalldeckel für die Kanzel. im Münster schnitzte. Vermutlich war auch der Bildschnitzer Michel Erhart, eine der überragenden Künstlerpersönlichkeiten des ausgehenden 15.Jhdts., bei der Herstellung des Chorgestühls mitbeteiligt.
Das Ergebnis dieser "Teamarbeit" gilt als eines der Meisterwerke deutscher Spätgotik und als eines der bedeutendsten Schnitzwerke überhaupt. Zweimal ist dieses Kleinod der Vernichtung entgangen: zuerst im Verlauf der Reformation am 20.7.1531 beim Bildersturm, als mehr als 50 Altäre mit unersetzlichen Kunstwerken sinnlos zerstört wurden, und - schließlich im März 1945, als bei einem Fliegerangriff eine Bombe den Chor des Münsters traf.
Syrlin beschäftigte sich aber nicht nur mit dem Material Holz, sondern auch mit Stein. So war es kein Wunder, dass seine Werk statt vom Ulmer Rat im Nachgang zum Chorgestühl den Auftrag für den Fischkasten-Brunnen erhielt. Dieser wurde 1482 - wie die Signatur "joerg syrlin 1482" - zeigt, auf dem kurz zuvor angelegten Fischmarkt beim Rathaus errichtet. Mit seiner kunstvoll gewundenen steinernen Fiale war er Bindeglied zwischen Fischmarkt und dem östlich gelegenen Marktplatz.
Die 3 Ritter in den Nischen, welche die Wappen des Reiches und der Stadt tragen, sind Michel Erhart zuzuordnen. Sie verdeutlichen das Selbstverständnis Ulms als freie Reichs und zeigen nach außen hin ihre Wehrhaftigkeit. Die Originalfiguren wurden 1910 ihrer starken Beschädigung wegen in das Ulmer Museum gebracht und durch Kopien ersetzt. Die zur Erinnerung an Syrlin benannte frühere Syrlinstraße in Söflingen wurde 1907 - nach der Eingemeindung - in Jörg-Syrlin Straße umbenannt, um Verwechslungen mit der Ulmer Syrlinstraße zu vermeiden. Und - beinahe als logische Folge - gibt es in Söflingen seit den 80er -Jahren auch einen Michel-Erhart-Weg!
Otto Schempp (Quellen Stadtarchiv Ulm)
 
Söflinger Künstler in vergangenen Zeiten
Die vier "Musensöhne" am Söflinger Gemeindebrunnen (4)
Nach den beiden Malern Franz Anton Kraus (1705 - 1752) und Johann Baptist Enderle (1725 - 1798) so wie dem Kunstschreiner und Bildschnitzer Jörg Syrlin d.Ä. (um 1425 - 1491) folgt heute der Minnesänger Meinloh von Sevelingen (2. Hälfte des 12. Jhdts. - um 1240).

Die Herren von Sevelingen waren Ministerialen - also Dienstleute - der Grafen von Dillingen. Deshalb ist ihr Schildzeichen - drei silberne Löwenkopfe auf schwarzem Grund - wohl eine Abwandlung des Vier-Löwen-Wappens ihrer Dienstherren. Diese "Sevelinger" sind urkundlich aber nur aus dem 13. Jhdt. bekannt. So erscheint ein Rudolfus de Sevelingen 1220 als Dienstmann, später von 1246 - 1264 als Truchseß des Grafen, somit als Vorsteher der Hofhaltung einflussreichster Hofbeamter. 1240 bestätigt Graf Hartmann von Dillingen, der 1258 Söflingen den Klarissen vermachte, einem "ministeriaIi suo Meinloho de Sevelingen" eine Ablösungsgebühr für Giebigkeiten des Klosters Kaisheim.
Dieser urkundlich erwähnte Meinloh ist wohl ein Nachkomme des Minnesängers Meinloh von Sevelingen, denn dessen Dichtungen müssen in das ausgehende 12. Jhdt. eingeordnet werden. Meinloh sang vermutlich auch vor Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der während seiner Regierungszeit 1152 - 1190 die Ulmer Pfalz auf dem Weinhof oft besuchte. Später - 1226 - stiftete er Kirche und Ordenshaus des Ulmer Deutschordens, wie es in dessen Jahrtagseintragungen heißt; er soll um 1240 gestorben sein.
Meinloh ist der älteste der schwäbischen Minnesänger und gilt als einer der bedeutendsten Vertreter von "Minnesangs Frühling". Schwaben wird nämlich ums ausgehende 12. Jhdt. von der westlichen Kultur aus Frankreich berührt. Wendigkeit und Anmut höfischer Beredsamkeit verdrängen die Starre der bisherigen Poetik. Nicht mehr Vergangenes wie z.B. "Heldentaten" oder Schicksale werden besungen (erinnert sei an das Nibelungenlied): jetzt führen Stimmungen und Gefühle zu einer ganz anderen Lyrik.
Diese Unmittelbarkeit der Gefühle und der leidenschaftlichen Begeisterung entfaltet sich bald zu höchster Blüte. Dichter wie Dietmar von Eist, Hartmann von Aue und vor allem Walther von der Vogelweide stehen dafür. Kein Sänger darf sich an Bestehendes anlehnen, Wort und Weise müssen stets neu erfunden" werden (das "Plagiat" war noch ein Fremdwort). Meinloh drückt diese Anfänge einer neuen Lebenshaltung, einer gewandelten Auffassung des Empfindungslebens aus, vor allem aber den Glauben an die veredelnde Macht der Frauenliebe, eben der Minne.
Galt früher das "wip" als untergeordnetes Wesen, das dem Manne zu dienen hatte, hebt er unter dem Einfluss von provenzialischen Troubadouren die "hohe frouwe" auf den Thron, vor dem der ritterliche Sänger voll Ehrfurcht vor der Größe weiblicher Reinheit und Tugend "kniet". Bei ihm heißt es: "Wer edlen Frauen dienen will, muss jeden Anstoß meiden und darf sein heimliches Sehnen ja nicht verraten. Auch ist der Lohn, den er erringt, von solcher Art, dass begehrliche Herzen, wie ich glaube, nie ernsthaft diesem Dienste sich widmen werden". Meinloh ist einer der ersten, der diesen "Frauendienst" als Wesentlichstes der Liebesauffassung hervorhebt:
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Ich bin holt einer frouwen: ich weiz vii wol umbe waz. sit ich jr begunde dienen, sie geviel mir ie baz und ie baz. ie lieber und ie lieber so ist si zallen ziten mir, je schoener und je schoener: vil wol gevallet si mir. si ist saelic zalien eren, der besten tugende pfliget ir lip. sturbe ich nach ir minne und wurde ich danne lebende, so wurbe ich aber umb daz wip. |
Ich bin hold einer Frauen: weiß wohl aus welchem Grund. So lang ich ihr diene, gefiel sie mir besser von Stunde zu Stund. Stets lieber nur und lieber ist zu allen Zeiten sie mir, stets schöner nur und schöner beseligt mich ihre Zier. Geschaffen zu allen Ehren, übt höchste Tugend sie treu. Stürbe ich durch ihre Minne und kehrte wieder ins Leben, so würbe ich um sie aufs neu. |
Aber im Gegensatz dazu treten bei ihm Frauen auf, die nichts wissen von den "idealen" Forderungen des Minnedienstes - beide, Mann und Frau, tauschen nämlich ihre Liebeserfahrungen aus. Deshalb steht auf den Bildern, die mit dem dichterischen Werk des Meinloh überliefert sind, dem Sänger jeweils eine Dame gegenüber:
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Mir erwelten miniu ougen einen kindeschen man. daz nident ander frouwen: ich han in anders niht getan, wan obe ich han gedienet daz ich diu liebeste bin. dar an wil ich keren min herze und allen den sin. swelhiu sinen willen hie bevor hat getan, verlos si in von schulden, der wil ich nu niht wizen, sihe ichs unfroelichen stan. |
Mir wählten meine Augen einen jugendlichen Freund Darüber sind andere Frauen Eifersüchtig Ich habe ihnen aber nichts getan, nur dass ich vermocht habe, ihm die Liebste zu sein. Darauf will ich wenden Mein Herz und meinen ganzen Sinn. Welche irgend früher seinem Willen entsprach- hat sie ihn mit Grund verloren, so will ich 's ihr nicht verweisen, seh ich sie traurig stehn. |
Diese neue Lyrik wurde zusammen mit anderen schriftlichen Zeugnissen einer mittelhochdeutschen Dichtung um 1300 in Zürich niedergeschrieben und ist heute als Manessische - nach dem Geschlecht der Manesse von der Burg Manegg bei Zürich - oder als Große Heidelberger Liederhandschrift bekannt. Sie war nämlich 1584 vom damaligen Besitzer Josef Fugger dem pfälzischen Kurfürsten Ottfried zu Heidelberg vermacht worden.
Etwa um dieselbe Zeit entstand in Konstanz eine ähnliche Sammlung - wie der "Codex Manesse" mit Bildern versehen -‚ die später nach Weingarten gelangte und deshalb Weingartner Liederhandschrift heißt.
Meinloh von Sevelingen lebt heute in Namen wie Meinloh-Schule oder Meinlohstraße weiter. Dort ist auch an einer Hauswand zur Meinloh-Halle hin eine übergroße Wiedergabe des Bildnisses aus dem Codex Manesse zu sehen. Der Liederkranz Söflingen erweckte mit seiner Meinloh-Gruppe anl. des Umzuges bei den Kinderfesten diesen bedeutenden Minnesänger alljährlich wieder zum Leben. Beim historischen Jubiläumsumzug zur Eingemeindungsfeier am 3. Juli 2005 ist die Gruppe wieder zu bewundern. Und rechtzeitig zu diesem Fest wird das Meinloh-Forum als verspätetes "Eingemeindungsgeschenk" der Stadt Ulm fertig gestellt, eine Freilichtbühne im hinteren Teil des Klosterhofs neben der Meinloh-Halle. Der Betrieb der Bühne wird mit der neugegründeten "Söflinger Bürgerstiftung" finanzierbar, die dank der großzügigen Spende von Frau Helma Fink-Sautter ins Leben gerufen werden konnte.
Otto Schempp (Quellen: Stadtarchlv Ulm)